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Görlitz hatte am 31.12.2025 55.065 Einwohner, der LuchsScore liegt bei 45 von 100.
Zahlen und Kennzahlen zu GörlitzWer in Görlitz vom Untermarkt zur Neiße hinuntergeht, steht nach wenigen Minuten an einer Staatsgrenze. Auf der anderen Seite liegt Zgorzelec, eine polnische Stadt, die bis 1945 ein Teil von Görlitz war. Diese Nähe von Altstadt und Grenze ist der Schlüssel zu dem Ort: Görlitz ist eine Handelsstadt des Mittelalters, deren Häuser ungewöhnlich vollständig stehen geblieben sind, und zugleich eine Stadt, die das 20. Jahrhundert in der Mitte durchgeschnitten hat.
Aus dieser Mischung ist in den vergangenen drei Jahrzehnten etwas Drittes entstanden. Straßenzüge, die in der DDR verfielen und nach der Wende Stück für Stück instand gesetzt wurden, stehen heute regelmäßig vor Filmkameras.
Die Stadt liegt 201 Meter über dem Meeresspiegel, am westlichen Ufer der Lausitzer Neiße, und ihr Gebiet reicht heute weit in die Dörfer der Umgebung hinein. Eine andere, unsichtbare Linie verläuft ebenfalls durch die Stadt: der Meridian 15 Grad östlich von Greenwich, an dem sich die Mitteleuropäische Zeit orientiert. Auch die Landschaft südlich der Stadt erzählt von der Nachkriegszeit. Im Braunkohlentagebau Berzdorf wurde bis zur Wendezeit Kohle gefördert; die Restgrube füllte sich danach mit Wasser und wurde zum Berzdorfer See, der bis zu 72 Meter tief ist. Einzelne Einrichtungen des Tagebaus – Hochbunker, Schrägbandförderer, Skipschachtanlage – stehen heute unter Denkmalschutz. Einen weiten Blick über die Stadt, den Fluss und das Land auf beiden Seiten der Grenze bietet die Landeskrone, ein Basaltkegel von 420 Meter Höhe.
Der Name der Stadt taucht 1071 zum ersten Mal in einer Königsurkunde auf, in der ein slawisches Dorf namens Goreliz an den Bischof von Meißen ging. Um 1200 entstand auf der Anhöhe über der Lausitzer Neiße eine planmäßig angelegte Stadt, deren Mittelpunkt der heutige Untermarkt bildete. Die Lage war gut gewählt, denn mitten durch den Ort führte die Via Regia, eine der großen Handelsstraßen zwischen West- und Osteuropa.
Vom Durchgangsverkehr allein wurde Görlitz aber nicht wohlhabend. Den Ausschlag gab ein Vorrecht aus dem Jahr 1339: Die Stadt erhielt das Stapelrecht für Waid. Aus dieser Pflanze gewann man blauen Farbstoff, und gefragt war er in ganz Europa. Wer damit handelte, musste seine Ware in Görlitz anbieten. Schon 1303 hatte die Stadt als erste in der Markgrafschaft Oberlausitz die Obergerichtsbarkeit bekommen – ein frühes Zeichen dafür, wie selbstbewusst die Bürgerschaft auftrat.
Am 21. August 1346 schloss sich Görlitz mit Bautzen, Kamenz, Lauban, Löbau und Zittau zum Oberlausitzer Sechsstädtebund zusammen. Anlass waren Überfälle auf Händler und Reisende. Karl IV., der als böhmischer König Landesherr der Oberlausitz war, stattete den Bund mit weitreichenden Befugnissen aus: Die Städte durften Raubburgen zerstören und im ganzen Land Recht sprechen. Formell bestand dieser Städtebund bis 1815.
Für knapp zwei Jahrzehnte war Görlitz sogar Mittelpunkt eines eigenen kleinen Herzogtums. Johann, ein Sohn Karls IV., führte den Titel eines Herzogs von Görlitz ab 1377. Mit seinem Tod im Jahr 1396 endete diese kurze Eigenständigkeit wieder. Die Selbstständigkeit hatte ihren Preis. Weil die Sechsstädte im Schmalkaldischen Krieg ihre Truppen nur zögerlich gestellt und das kaiserliche Lager vorzeitig wieder verlassen hatten, war Görlitz 1547 vom Oberlausitzer Pönfall betroffen.
Einen neuen Aufschwung brachte die Eisenbahn. Der Bahnhof der Stadt wurde 1847 eröffnet, zwanzig Jahre später war auch Berlin direkt angebunden. 1873 wurde für Görlitz ein eigener Stadtkreis gebildet, und im Jahr 1939 lebten etwa 94.000 Menschen hier. Nach dem Zweiten Weltkrieg erreichte die Einwohnerzahl ihren höchsten Stand, weil Flüchtlinge und Vertriebene aus den Gebieten östlich der Neiße hier blieben: 1949 zählte das westlich der Neiße gelegene Stadtgebiet 101.742 Bewohner. Seitdem ist sie stark zurückgegangen: Ende 2025 zählte Görlitz 55.065 Einwohner.
Die sächsische Denkmalliste führt für Görlitz Eintrag um Eintrag: das Barockhaus in der Neißstraße, die Alte Waage am Untermarkt, das Biblische Haus, den Dicken Turm, die Frauenkirche, die Dreifaltigkeitskirche, die Jägerkaserne – und bis hinaus in die eingemeindeten Dörfer sogar einzelne Bäume wie die Bergulme. Anschaulicher als jede Liste ist ein Spaziergang, auf dem Spätgotik, Renaissance, Barock und Gründerzeit in wenigen Minuten aufeinander folgen, ohne dass eine Epoche die andere verdrängt hätte. Görlitz zählt mehr als 4.000 Kultur- und Baudenkmale. Dass so viel erhalten ist, hat zwei Gründe: Die Altstadt blieb von großflächigen Kriegszerstörungen verschont, und nach der Wende sanierte man die verfallenen Altstadtbauten Zug um Zug.
Typisch für die Stadt sind die Hallenhäuser. Hinter ihren Fassaden öffnet sich eine hohe Halle, in der die Kaufleute Waren lagerten und Geschäfte abwickelten. Rund um den Untermarkt stehen viele dieser Häuser dicht beieinander, und an ihrer Größe lässt sich ablesen, wie viel Geld der Fernhandel einmal in die Stadt gebracht hat. Der Ratsbaumeister Wendel Roskopf, geboren um 1480, hat der Stadt ihr Renaissancegesicht gegeben; er starb 1549. Auf ihn geht der Schönhof zurück, ein großes Bürgerhaus, das 1526 aus mehreren älteren Häusern zusammengefasst wurde. Heute ist darin das Schlesische Museum untergebracht – ein passender Ort, denn die Geschichte der Stadt ist eng mit Schlesien verbunden.
Über dem Fluss erhebt sich die Pfarrkirche St. Peter und Paul, die in Görlitz alle nur Peterskirche nennen. Ihre Anfänge reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück, ihr Baukörper misst 84 Meter in der Höhe. Die spätgotische Hallenkirche selbst wurde zwischen 1425 und 1497 erbaut. Im Inneren steht die Sonnenorgel, die ihren Namen dem Prospekt verdankt: Er stammt von 1703 und ist mit 17 Sonnen aus Orgelpfeifen versehen. Gebaut hatte das Instrument der Orgelbauer Eugenio Casparini zusammen mit seinem Sohn Adam Horatio. Etwas abseits liegt eine Anlage, die man in einer Handelsstadt nicht erwarten würde. Zwischen 1481 und 1504 entstand das Heilige Grab, eine Nachbildung der Grabstätte Christi in Jerusalem, bestehend aus einer Doppelkapelle, einem Salbhaus und der Grabkapelle. Gedacht war das Ensemble als Teil eines Weges, der von der Peterskirche aus die Passionsgeschichte in den Stadtraum übertrug. Kirchen gibt es in Görlitz für fast jede Konfession und fast jedes Jahrhundert. Neben der Peterskirche stehen die Frauenkirche am Postplatz, die Dreifaltigkeitskirche am Obermarkt, die Kreuzkirche und die Lutherkirche, dazu die katholische Kathedrale St. Jakobus, die Heilig-Kreuz-Kirche, St. Hedwig, die Christuskirche und die Kirche des Apostelamts Jesu Christi. Wer die Konfessionsgeschichte einer sächsischen Grenzstadt lesen will, findet sie in diesem Nebeneinander.
Am 7. Mai 1945, dem letzten Kriegstag, wurden alle sieben Neißebrücken der Stadt von sich zurückziehenden Wehrmachtstruppen gesprengt. Wenig später legten die Siegermächte die neue Grenze entlang von Oder und Neiße fest. Für Görlitz bedeutete das die Teilung: Die Stadtteile östlich des Flusses wurden polnisch und tragen seitdem den Namen Zgorzelec.
Die DDR erkannte die neue Grenze früh an. Am 6. Juli 1950 unterzeichneten ihre Regierung und die polnische das Görlitzer Abkommen. Völkerrechtlich endgültig wurde der Verlauf aber erst mit dem deutsch-polnischen Grenzvertrag vom 14. November 1990. Dazwischen lagen Jahrzehnte, in denen zwei Hälften einer Stadt Ufer an Ufer lagen, ohne wirklich miteinander verbunden zu sein.
Nach der Wende begann die Annäherung. Seit 1998 treten Görlitz und Zgorzelec gemeinsam als Europastadt auf, und Zgorzelec ist offiziell Partnerstadt. Im Jahr des polnischen EU-Beitritts wurde mit der Altstadtbrücke 2004 wieder ein Neißeübergang für Fußgänger eröffnet. Grenzkontrollen gibt es dort heute keine mehr. Auf der polnischen Seite ist daraus eine eigene Stadt geworden: Zgorzelec hatte Ende 2020 noch 29.810 Einwohner. Wer über die Altstadtbrücke geht, wechselt Land, Sprache und Währung – und findet doch auf beiden Ufern dieselbe Bebauung aus der Gründerzeit.
Die Partnerschaften der Stadt reichen von Amiens in Frankreich über Molfetta in Süditalien und Naoussa in Griechenland bis nach Nový Jičín in Mähren. Dazu kommen deutsche Partner, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Wiesbaden, Oberstdorf im Allgäu, die Sylter Gemeinde List auf Sylt und Selfkant an der niederländischen Grenze.
Görlitz trägt den Spitznamen Görliwood, und er beschreibt einen echten Wirtschaftszweig. Die Stadt bietet, was anderswo aufwendig nachgebaut werden müsste: ganze Straßenzüge ohne moderne Fassaden, Hinterhöfe aus mehreren Jahrhunderten und genug leerstehende Bauten, in denen Filmteams über Wochen drehen können.
Weithin bekannt wurde das durch Wes Anderson. Im Winter 2012/2013 drehte er große Teile von „The Grand Budapest Hotel“ hier; der Film kam 2014 in die Kinos. Das leere Görlitzer Warenhaus verwandelte sich in die Hotelhalle, Eingang und Speisesaal entstanden in der Stadthalle, einem Konzerthaus von 1910 am Rand der Altstadt. In den Drehmonaten lagen die Übernachtungszahlen der Stadt weit über denen des Vorjahres.
Die Liste der Produktionen ist lang. Sie reicht von Literaturverfilmungen wie „Der Vorleser“ und „Die Vermessung der Welt“ über historische Stoffe wie „Goethe!“, die Marx-Biografie von Raoul Peck und „Der Hauptmann“ bis zur Krimireihe „Wolfsland“. Wer den Schauplätzen nachgehen möchte, kann dem „Walk of Görliwood“ folgen, einem Rundgang per App, der 36 Stationen auf einer Strecke von 45 km verbindet – in der Altstadt, in den Gründerzeitvierteln und am See.
Für die Stadt ist das Kino mehr als Werbung. Es hat den Blick auf einen Ort verändert, der lange mit Leerstand und Abwanderung verbunden wurde. Gerade die Häuser, für die nach der Wende niemand eine Verwendung hatte, sind heute gefragt – weil sie aussehen wie vor hundert Jahren.
Stand des Portraittextes: 2026-09-17.
Belege der kuratierten Auswahl: DZT_BORDER
Die Kennzahlen zu diesem Ort — LuchsScore, Bevölkerung, Arbeitsmarkt, Immobilien — stehen mit Jahrgang und Herkunft auf der Datenseite.
Von der Wehrhaftigkeit der Handelsstadt zeugt der Kaisertrutz, eine Bastei mit Turm, deren Bau 1490 begann und in der heute Ausstellungen zu sehen sind. Zur selben Schicht gehören die erhaltenen Teile der nördlichen Stadtbefestigung mit Zwingermauer und Stadtmauer, der Neißeturm samt Neißetor und die Vierradenmühle unmittelbar am Fluss. Weiter draußen stehen das Wasserschloss Tauchritz, der Weinbergturm und die Kathedrale St. Jakobus. Die Denkmalliste endet nicht an der Altstadt. In den eingemeindeten Dörfern stehen die Dorfkirche Tauchritz, die Erlöserkirche in Kunnerwitz mit Pfarrhaus und Friedhof, das Herrenhaus des einstigen Rittergutes Nikrisch und die Kunstmühle an der Neißetalstraße, in deren Hauptbau ein großer Teil der alten Mühlentechnik erhalten blieb. Dazwischen liegen Gasthöfe wie der Gerichtskretscham an der Rothenburger Landstraße und einfache Häusleranwesen, die vom bäuerlichen Alltag der Oberlausitz erzählen.
Die jüngste Schicht stammt aus der Gründerzeit, als rund um die Altstadt ganze Viertel entstanden. Mitten in der Innenstadt steht außerdem ein Jugendstilkaufhaus mit lichtem Innenhof, das Görlitzer Warenhaus, errichtet 1912. Nachdem der Handel darin aufgegeben worden war, stand es lange leer – und gerade deshalb schrieb es später Filmgeschichte.