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Wernigerode hatte am 31.12.2025 31.835 Einwohner, der LuchsScore liegt bei 40 von 100.
Zahlen und Kennzahlen zu WernigerodeMehrmals am Tag steht am Bahnhof eine Dampflokomotive unter Druck, die nicht nostalgisch gemeint ist, sondern Fahrplan hat. Von hier fahren die Züge der Harzquerbahn los, und ein Teil von ihnen klettert über Schierke bis auf den Brocken, der mit 1141,2 m ü. Dass es diese Strecke noch gibt, ist nicht selbstverständlich: Von 1961 bis 1991 endete sie an einer Staatsgrenze. Wernigerode ist der Ort, an dem sie beginnt — eine Stadt, die im Schatten einer Grafenburg gewachsen ist und deren Marktplatz von einem Haus beherrscht wird, das ursprünglich für Spiel und Gericht gebaut wurde. Zum 31. Dezember 2025 zählte die Stadt 31.835 Einwohner.
Die Grafen von Wernigerode stammten nicht aus dem Harz. Adalbert von Haimar war ein Ministeriale aus Schwaben und hielt eine Grafschaft im Hildesheimer Raum; Kaiser Heinrich V. setzte ihn am Nordharzrand ein, um dort die kaiserliche Machtstellung zu festigen; 1121 erscheint er als Comes de Wernigerothe in einer Urkunde des Halberstädter Bischofs, und dieselbe Nennung ist zugleich die Ersterwähnung des Ortes. Die Burg über der Siedlung entstand zwischen 1110 und 1120 und wurde 1213 als Castrum Wernigerode erwähnt.
Die Stadt darunter bekam am 17. April 1229 das Stadtrecht nach dem Vorbild von Goslar. Die Gerichtsbarkeit blieb trotzdem bei den Grafen, die ab 1324 immerhin Bürger als Stadtvögte und damit als Stadtrichter einsetzten; ein Rat der Stadt wird 1279 genannt, ein Bürgermeister erst 1388. Als die Grafen von Wernigerode 1429 in männlicher Linie ausstarben, rückten die Grafen zu Stolberg nach, die hier über Jahrhunderte die Oberherrschaft ausübten.
Historisch war die Stadt lange gar nicht eine. Um 1270 bildete sich am nordöstlichen Rand der alten Stadt eine neue Siedlung, die Neustadt, eine Ackerbürgerstadt außerhalb der Umfassungsmauer. Sie blieb bis 1529 völlig getrennt: mit eigener Mauer, eigenem Rat, der 1379 erwähnt wird, und eigenem Marktrecht von 1428. Die Mauer zwischen Altstadt und Neustadt wurde erst am Ende des 17. Jahrhunderts abgerissen.
Wie stark diese Herrschaft war, zeigt ihr Ende: 1714 erkannte Graf Christian Ernst zu Stolberg-Wernigerode in einem Rezess an, dass Brandenburg-Preußen über der Grafschaft stand — brandenburgisches Lehen war sie schon seit 1449. Derselbe Graf, der bis 1771 regierte, entschied zugleich, Schloss Wernigerode dauerhaft zur Residenz auszubauen, und legte Orangerie, Lust- und Tiergarten sowie ein Waisenhaus an. Zwei Jahre nach der Reformation, die 1538 nach dem Tod des Grafen Botho zu Stolberg eingeführt wurde, war die Stadt bereits von einem Stadtbrand getroffen worden; weitere Brände sind für 1326, 1455, 1528, 1751 und zuletzt für den 29. März 1847 überliefert.
Zu dieser Zeit gehört auch die Hexenverfolgung: Zwischen 1521 und 1608 wurden hier zwanzig Menschen in Hexenprozessen zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt.
Das 20. Jahrhundert hat in Wernigerode Spuren hinterlassen, die nicht ins Stadtbild passen. Am Brockenweg 1 betrieb die SS-Organisation Lebensborn vom 1. September 1937 bis zum 13. Mai 1945 ein Heim. Das Barackenlager am Veckenstedter Weg wurde 1943 zu einem Außenlager des KZ Buchenwald umfunktioniert; die Belegung stieg von anfänglich 95 auf 800 Häftlinge, die vor allem in der Gießerei der Rautal-Werke arbeiten mussten. Beim Luftangriff am 22. Februar 1944 kamen über 200 Menschen zu Tode. Dass die Stadt im April 1945 weitgehend unzerstört blieb, verdankt sie einem Befehlsverweigerer: Stadtkommandant Gustav Petri weigerte sich, Wernigerode zu verteidigen, und wurde dafür am 12. April bei Drei Annen Hohne standrechtlich erschossen.
Das Gebäude, das den Marktplatz beherrscht, war ursprünglich kein Rathaus. Im Jahr 1277 wurde es als gimnasio vel theatro erwähnt, als Spiel- und Gerichtshaus, und der massive Unterbau dieses Spelhuses war offenbar von Anfang an auf eine spätere Aufstockung angelegt: Als sie 1492 erfolgte, musste an den Fundamenten nichts geändert werden. Die spitzbogige gotische Eingangstür des Erdgeschosses ist bis heute erhalten.
Vollendet wurde der Umbau 1497, und in diesem Jahr entstand auch das Detail, an dem sich Wernigeröder Fachwerk erkennen lässt: Vor die breiten niederdeutschen Giebel wurden zwei schlanke Fachwerktürme gesetzt, und als waagerechtes Gegenstück dazu kamen in die unteren Gefache geschweifte Andreaskreuze — laut Bauforschung tauchen sie hier zum ersten Mal in der Stadt auf und wurden danach an anderen Häusern übernommen. Sein heutiges Aussehen bekam das Haus nach einem Brand von 1521 und einem weiteren Umbau zwischen 1539 und 1544.
Über der Stadt steht das zweite prägende Bauwerk. Aus der Burg der Grafen war unter Christian Ernst ein Barockschloss geworden; Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode, im Reich Vizekanzler und in Preußen Präsident des Herrenhauses, ließ es zwischen 1862 und 1885 zu einem repräsentativen Prunkschloss umbauen. Das Ergebnis gilt als Leitbau des norddeutschen Historismus. Als ständiger Wohnsitz wurde es 1929 aufgegeben; heute ist es ein Museum vor allem zur Kunst- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts.
Durch Wernigerode zieht die Harznordrandverwerfung. Praktisch heißt das: Auf wenigen Kilometern wechselt der Untergrund komplett. Im Vorland liegen eiszeitliche Schotter, die bis an die Altstadt heranreichen und deren Untergrund bilden. Südlich davon stehen in einem schmalen Band Kalke, Mergel und Sandsteine der Kreidezeit an, die den Galgenberg aufbauen, dann Muschelkalk, dann Buntsandstein. Die Sandsteine und der Rogenstein aus der Buntsandsteinzeit wurden früher als Werksteine verwendet, unter anderem am Schloss.
Weil zum Stadtgebiet auch der Brocken gehört, reicht die Gesteinsfolge bis zum Brockengranit hinauf, der an den höchsten Stellen des Harzes ansteht. Der tiefste Punkt der Stadt liegt bei etwa 215 m, der Gipfel des Brocken bei 1141,2 m — mehr als neunhundert Meter Unterschied innerhalb einer Gemarkung.
Das Gebirge macht auch das Wetter. Weil die Stadt auf der Lee-Seite des Harzes liegt, kommt bei ihr weniger Niederschlag an als in vergleichbaren Regionen ohne Gebirge im Rücken; im Jahr fallen im Mittel etwa 500 Millimeter. Steigt die Luft am Gebirge auf und fällt auf der anderen Seite wieder ab, entsteht der sogenannte Harzföhn, und dann wird es hier wärmer als im Umland.
Bis um 1850 war Wernigerode für Harz- und Brockenreisende vor allem eine Durchgangsstation. Danach wurde die Stadt als Sommerfrische entdeckt, es entstanden Hotels, Gaststätten sowie Kur- und Kultureinrichtungen, und der Anschluss an die Eisenbahn im Jahr 1872 beschleunigte beides — den Fremdenverkehr und die Industrie. 1908 bekam Wernigerode ein kommunales Verkehrsamt, als einer der ersten Orte im Harz.
Das Stadtmotto stammt von einem Schriftsteller und ist seit 1910 amtlich: Die bunte Stadt am Harz, nach Hermann Löns. Dass ein Werbespruch so lange hält, sagt etwas über die Konstanz des Bildes, das die Stadt von sich hat — und über den Zeitpunkt, zu dem sie es gefasst hat, nämlich mitten in ihrer ersten Tourismusblüte.
Die Schmalspurbahn kam kurz davor. Am 22. Dezember 1898 eröffnete die Nordhausen-Wernigeroder Eisenbahn-Gesellschaft den Sonderzugverkehr auf dem Abschnitt Wernigerode–Brocken, und am 27. März 1899 nahm die Harzquerbahn von Wernigerode über Drei-Annen-Hohne nach Nordhausen den Gesamtverkehr auf. Ihren Sitz holte die Gesellschaft zum 1. Juli 1916 aus Nordhausen hierher.
Dann wurde aus der Ausflugsstrecke eine Grenzstrecke. Der Brocken lag seit 1952 im Sperrgebiet, für das man einen Passierschein brauchte; nach dem Mauerbau vom 13. August 1961 wurde der Personenverkehr zwischen Schierke und dem Gipfel ab dem 14. August eingestellt. Bis 1988 fuhren nur noch Güterzüge hinauf, die Kohle, Öl und Baumaterial für die Grenztruppen brachten. Erst am 15. September 1991 wurde die Strecke nach ihrer Sanierung mit zwei dampflokbespannten Zügen feierlich wiedereröffnet.
Am 19. November 1991 gründeten die Landkreise Harz und Nordhausen, sechs Kommunen an der Strecke und eine Kurbetriebsgesellschaft die Harzer Schmalspurbahnen GmbH, die am 1. Februar 1993 Anlagen, Fahrzeuge und Personal von der Deutschen Reichsbahn übernahm. Ihr Sitz und ihre Werkstätten sind in Wernigerode. Das meterspurige Netz ist heute 140,4 km lang und hat 44 Bahnhöfe und Haltepunkte in Sachsen-Anhalt und Thüringen.
Neben dem Fremdenverkehr entstand nach 1872 eine Industrie, die man einer Fachwerkstadt nicht ansieht. Gefertigt wurden Maschinen und Werkzeuge, Elektromotoren, pharmazeutische Produkte, Schokolade, Schreibwaren und Baustoffe. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich zwischen etwa 1840 und 1890 von rund 5.000 auf 10.000 und bis Mitte der 1920er Jahre noch einmal.
Zwei Zweige haben die Stadt besonders lange begleitet. Am 10. Januar 1920 gründete sich die Firma Lauenstein und Franke, die Maschinen zur Schokoladenverarbeitung herstellte; nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie enteignet und produzierte als VEB Schokomasch weiter, heute steht die Chocotech in dieser Nachfolge. Die Schokolade selbst kam aus der Argenta-Fabrik im Ortsteil Hasserode, deren Nachfolgerin die Wergona ist. In der Weinbergstraße wiederum stellte der VEB Füllhalterfabrik Schreibgeräte her, ein Betrieb, den 1991 Schneider Schreibgeräte übernahm.
Ein Wernigeröder Ortsteilname steht heute auf Bierflaschen: Die Hasseröder Bierbrauerei hatte ihren ursprünglichen Sitz im gleichnamigen Ortsteil, ging 1990 an die Gilde Brauerei Hannover über und wurde 1995 im Gewerbepark Nord-West neu errichtet. Nach der Wiedervereinigung mussten viele Betriebe schließen, und der wirtschaftliche Schwerpunkt verschob sich auf den Tourismus — auf das Schloss, die Schmalspurbahnen, die Gastronomie und den Nationalpark.
Stand des Portraittextes: 2026-09-17.
Belege der kuratierten Auswahl: FW, DZT_MED
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