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Kalkar hatte am 31.12.2025 14.467 Einwohner, der LuchsScore liegt bei 52 von 100.
Zahlen und Kennzahlen zu Kalkar
Die meisten alten Städte sind gewachsen: erst ein Hof, dann ein Markt, irgendwann eine Mauer. Kalkar nicht. Diese Stadt wurde an einem bestimmten Tag von einem bestimmten Mann auf einer bestimmten Sandbank angelegt, und sie wurde geplant, bevor jemand dort wohnte. Wer heute über den Markt geht, geht deshalb über einen Grundriss, den ein Landesherr des 13. Jahrhunderts anlegen ließ und den seither kaum jemand verändert hat. Ende 2025 zählte Kalkar 14.467 Einwohner, verteilt auf die Kernstadt und ein Dutzend Ortsteile zwischen Höhenzug und Rhein.
Das zweite, was man über diesen Ort wissen sollte, liegt sieben Jahrhunderte später und ein paar Kilometer weiter am Rhein: ein Kernkraftwerk, das gebaut, aber nie eingeschaltet wurde. Auch das prägt Kalkar bis heute — nur nicht als Ruine, sondern als Rutschenpark. Planstadt und Kraftwerk sind die zwei radikalen Einschnitte dieser Stadt; dazwischen liegt eine Zeit, in der Kalkar mit Wolle reich wurde, den Reichtum wieder verlor und ihn bis heute in seiner Kirche aufbewahrt.
Kalkar entstand am Fuß des Monreberges, auf dem schon im Mittelalter Burgen gestanden hatten. Graf Dietrich VI. von Kleve gründete sie am 20. Oktober 1230 auf einer Ward — einer vom Rhein angeschwemmten Sandbank, rund einen Kilometer lang und in der Mitte etwa vierhundert Meter breit. Sumpfiges Gelände umgab sie; mit Wassergräben ließ sie sich leicht umziehen und verteidigen. Genau das war wohl der Grund für die Wahl des Platzes: die bereits vorhandene Siedlung wenige hundert Meter weiter westlich, das heutige Altkalkar, bot diese Vorteile nicht.
Was dann geschah, kann man am Stadtplan ablesen. Die Sandbank wurde mit einem Raster sich fast rechtwinklig kreuzender Straßen erschlossen. Von den Toren im Norden und Süden führten zwei Hauptstraßen zum zentralen Markt, verbunden durch schmale Gassen und die ringsum laufenden Wallstraßen. Die Siedler erhielten etwa gleich breite Grundstücke, meist mit Platz für einen Garten. An dieser Straßenführung hat sich bis heute kaum etwas verändert.
Reich wurde Kalkar mit Wolle. Auf der Gocher Heide westlich davon ließen sich Schafe in großer Zahl halten; in der Stadt entstanden Webereien für Stoffe des täglichen Gebrauchs, dazu kamen Getreidehandel und reihenweise Bierbrauereien. Noch vor dem Rathaus errichteten die Tuchweber ihr Zunfthaus. Von 1540 bis 1572 gehörte die Stadt der Hanse an, als Beistadt von Wesel. Die Kalkarer Mühle und die Burg Boetzelaer erinnern an dieselbe Zeit.
Der Wohlstand hielt nicht. Der Vogelschauplan aus dem Städtebuch von Braun und Hogenberg, entstanden 1575, zeigt eine Stadt, deren Einwohnerzahl sich von rund 5000 auf gut 2000 verringert hatte. Kriege, Seuchen und die Verlagerung des Handels taten das Ihre.

Die großen Bauvorhaben der Stadt waren um 1450 abgeschlossen, gut zweihundert Jahre nach der Gründung. Straßen, Gassen und Markt waren gepflastert. 1446 vollendete der Klever Baumeister Johann Wyrenberg das Rathaus am Markt, einen Backsteinbau, der bis heute die Südseite des Platzes bestimmt. 1450 wurde die dreischiffige Hallenkirche Sankt Nicolai geweiht, an deren Bau derselbe Baumeister mitwirkte.
Danach begann das, wofür Kalkar bekannt ist. Die wohlhabend gewordenen Bürger machten sich an die Ausschmückung ihrer Kirche. Reiche Familien, Handwerkergilden und Bruderschaften stifteten Altäre, Gemälde und Skulpturen; Künstler wurden eigens in die Stadt geholt. Was dabei zwischen der Spätgotik und der frühen Renaissance entstand, steht bis heute in St. Nicolai. Es ist kein Museum: Die Werke stehen dort, wofür sie gestiftet wurden, in der Kirche, für die sie gemacht wurden.
Dass davon überhaupt so viel erhalten ist, verdankt sich weniger der Sorgfalt als dem Zufall. Die Stifte und Klöster der Stadt — der Cäcilienkonvent, das Dominikanerkloster, das Birgittenkloster Marienblum — verschwanden im Lauf der Jahrhunderte. Und 1818 verkaufte die Pfarrei selbst sieben Altäre, weil Geld für die Reparatur der Kirche fehlte. Ein Kalkarer Autor nannte das später nüchtern eine Geldnot, die als Erklärung nicht ausreiche: Die Gründe hätten tiefer gelegen, im Nichtwissen und in der Teilnahmslosigkeit gegenüber einer nicht verstandenen Kunst.
Im 19. Jahrhundert wurde wieder gebaut. 1898 erhielt die evangelische Gemeinde für ihre rund zweihundert Jahre zuvor errichtete, bis dahin turmlose Kirche einen Turm mit zwiebelförmiger Ausbuchtung. 1905 bekam Sankt Nicolai einen neuen Turmhelm: Der alte war, mehrfach von Sturm und Blitz getroffen, auf ein Drittel seiner einstigen Höhe geschrumpft; der neue fiel doppelt so hoch aus. Und 1945 traf es die Stadt doch noch: Vom Rathaus fiel die linke Hälfte in Trümmer, ebenso die Häuserzeile südlich davon am Markt; in Sankt Nicolai wurde ein Seitenschiff beschädigt. Verglichen mit Kleve, Goch oder Emmerich kam Kalkar dennoch glimpflich davon.
Am Rheinufer im Ortsteil Hönnepel begann 1973 der Bau eines Kernkraftwerks — eines schnellen Brüters, Typ SNR-300, ausgelegt auf 300 Megawatt. Der Bau kostete rund sieben Milliarden D-Mark, verzögerte sich immer weiter und war 1986 fertig. In Betrieb genommen wurde die Anlage nie.
Für die Stadt war das zweierlei. Wirtschaftlich brachte die Baustelle einen kräftigen Schub; auch Kalkarer Unternehmen arbeiteten daran mit. Politisch machte sie den Ort bundesweit bekannt: An den Demonstrationen gegen den Brüter nahmen während der Bauphase Zehntausende teil, angeführt unter anderem von dem Landwirt Josef Maas, den alle „Bauer Maas“ nannten. Diese Proteste gehören zur Vorgeschichte der Partei Bündnis 90/Die Grünen.

Das Ende der Geschichte ist ungewöhnlich. 1995 ging das Kraftwerk für 2,5 Millionen Euro an einen niederländischen Unternehmer. Er machte aus dem Gelände eine Ferien- und Vergnügungsanlage, mit Übernachtung, Gastronomie und Sportplätzen. Das Wunderland Kalkar richtet inzwischen auch Tagungen und Fachmessen aus und zählte 2004 rund 280.000 Besucher. Mit 230 ganzjährig Beschäftigten und rund 300 Saisonkräften gehört es zu den wichtigen Arbeitgebern der Stadt.
Damit hat dieser Ort eine seltene Doppelgestalt. Die Altstadt lebt von einem Grundriss und einem Kirchenraum aus dem 15. Jahrhundert, das Umland von einem Betonbau des 20. Jahrhunderts, der seinen Zweck verfehlte und einen neuen bekam. Beide stehen nur wenige Kilometer auseinander: die geplante Stadt, die ihren Grundriss behalten hat, und die Technik, die nie lief und heute Gäste unterhält.





Stand des Portraittextes: 2026-09-19.
Belege der kuratierten Auswahl: DZT
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