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Reichenau hatte am 31.12.2025 5.165 Einwohner, der LuchsScore liegt bei 61 von 100.
Zahlen und Kennzahlen zu Reichenau
Die Insel ist flach, grün und voller Gewächshäuser. Wer über den Damm fährt, zwischen zwei Reihen Pyramidenpappeln hindurch, kommt nicht in ein Museumsdorf, sondern in ein Anbaugebiet: Tomaten, Salat, Feldsalat und Gurken von hier tragen geschützte geografische Angaben der EU. Dass zwischen diesen Feldern drei romanische Kirchen stehen, merkt man erst auf den zweiten Blick. Zum 31. Dezember 2025 zählte die Gemeinde 5.165 Einwohner.

Genau diese Kirchen sind der Grund, warum die Insel auf der Welterbeliste steht. Hier arbeitete im Hochmittelalter eine einflussreiche Malschule, deren Handschriften heute zum Weltdokumentenerbe zählen. Und hier hat sich, anders als in den Städten am See, ein eigener Festkalender gehalten: drei Inselfeiertage, an denen die Geschäfte schließen und eine historische Bürgerwehr durch die Dörfer zieht.
Gegründet wurde das Benediktinerkloster vom heiligen Pirminius, der um 670 geboren wurde und 753 starb. Die Insel war möglicherweise schon zur Römerzeit besiedelt: Der griechische Historiker Strabon beschreibt zum Jahr 15 vor unserer Zeitrechnung eine Insel im Bodensee, die Tiberius beim Zug gegen die Vindelicier als Stützpunkt für Kämpfe zu Schiff gedient habe — in der Forschung wurde sie immer wieder mit der Reichenau gleichgesetzt.
Die drei romanischen Kirchen stehen in den drei Inseldörfern. St. Georg in Oberzell wurde ab 888 erbaut und enthält ottonische Wandmalereien aus dem 10. Jahrhundert. Das Münster St. Maria und Markus in Mittelzell, die ehemalige Klosterkirche und heutige Pfarrkirche, trägt einen frühesten Bauteil, der 816 geweiht wurde, und ist eine dreischiffige Basilika mit einem Dachstuhl, der an einen umgedrehten Schiffsrumpf erinnert. St. Peter und Paul in Niederzell entstand im 11. und 12. Jahrhundert, sein Ursprung reicht jedoch ins 8. Jahrhundert zurück.

Neben diesem erhaltenen Ensemble gab es weitere Kirchen, die heute fehlen. Die St.-Adalbert-Kirche bestand vom Ende des 12. bis zum Ende des 15. Jahrhunderts als Chorherrenstift und wurde 1832 abgerissen; Die St.-Johann-Kirche, Pfarrkirche der Reichenauer Bürger, fiel um 1812, eine dreiteilige Säule erinnert an sie.
Der Festkalender der Insel ist bis heute verbindlich. An drei Inselfeiertagen ruht das Geschäftsleben und die Kinder haben schulfrei; gefeiert wird jeweils mit einem Gottesdienst im Münster und einer Prozession über die Insel, begleitet von der historischen Bürgerwehr. Am 25. April gilt die Prozession dem Inselpatron Markus, dessen Gebeine in einem Schrein aus dem frühen 14. Jahrhundert liegen. Am Montag nach Trinitatis folgt das Heilig-Blut-Fest, am 15. August das Patrozinium des Münsters zusammen mit Mariä Himmelfahrt.
Die Heilig-Blut-Reliquie hat eine eigene Wanderung hinter sich. Der Überlieferung nach birgt ein kleines byzantinisches Abtskreuz Erde von Golgatha, Splitter des Kreuzes Christi und ein seidenes Tüchlein, alles blutgetränkt; sie soll Karl dem Großen in Jerusalem übergeben worden sein. Im Dreißigjährigen Krieg wurde sie in einem Kloster bei Freiburg in Sicherheit gebracht, 1737 unter Prior Maurus Hummel zurückgeholt, mit einer barocken Fassung versehen und 1746 zur Barock-Monstranz gestaltet.
Die Insel misst 12,71 Quadratkilometer Gemeindefläche und liegt 402 Meter hoch. Im Jahr 2000 erklärte die UNESCO die Klosterinsel zum Weltkulturerbe, und zwar doppelt begründet: einmal wegen der religiösen und kulturellen Rolle, die ein großes Benediktinerkloster im Mittelalter spielte, und einmal wegen der drei romanischen Kirchen des 9. bis 11. Jahrhunderts, an denen sich frühmittelalterliche Architektur Mitteleuropas ablesen lässt.
Der zweite Welterbetitel gilt nicht Steinen, sondern Büchern. Das Königskloster zählte zu den kulturellen und politischen Zentren des Regnum Teutonicum; im 10. und 11. Jahrhundert unterhielt es eine einflussreiche Malschule, und 2003 kamen die Hauptwerke der Reichenauer Handschriften zum UNESCO-Weltdokumentenerbe hinzu. Die Handschriften und Bücher aus der Klosterzeit liegen heute im Generallandesarchiv Karlsruhe und in der Badischen Landesbibliothek.
Zu den Mönchen, die diesen Ruf begründeten, gehört Walahfrid Strabo, der auf der Reichenau um 841 seinen Hortulus dichtete. Auf sein Werk über den Gartenbau, in dem er die Heilwirkung verschiedener Kräuter beschreibt, geht der Kräutergarten neben dem Münster zurück, der schon im 9. Jahrhundert bestanden haben soll. Die Klostergärten wurden neu gestaltet und am 20. April 2024 eröffnet; sie umfassen einen Kreuzgang, die Hortuli mit dem Kräutergarten und einen Mönchsfriedhof mit Obstgarten, alle innerhalb der alten Klostermauer.
2024 war ohnehin ein Jubiläumsjahr: Die Klosterinsel feierte ihr 1300-jähriges Bestehen, und die Große Landesausstellung Baden-Württembergs widmete sich von April bis Oktober unter dem Titel Welterbe des Mittelalters diesem Thema — im Archäologischen Landesmuseum in Konstanz und auf der Insel selbst. Das Münster trägt seit April 2024 den Rang einer Basilica minor.
Neben den Kirchen stehen auch weltliche Bauten. Zur Gemarkung gehören die Reichenauer Pfalz, die Burgruine Schopflen auf dem Damm, das Schloss Königsegg aus dem 16. Jahrhundert im Süden der Insel und das Schloss Windegg an der nordwestlichen Inselspitze, das 1667 errichtet wurde und eine Burg des 14. Jahrhunderts ersetzte. Auch die Gerichtsbarkeit hat eine Spur hinterlassen. Das Gewann Galgenacker am Gnadensee gegenüber der Insel diente als Hinrichtungsstätte, weil auf der Insel selbst keine Todesurteile vollstreckt werden durften.
Die Landwirtschaft der Insel lebt vom Wasser ringsum. Der See gleicht die Temperaturen aus, der Alpenföhn tut ein Übriges, und die daraus folgende hohe Zahl an Sonnentagen macht das Klima besonders mild — davon profitiert vor allem der Gemüseanbau mit bis zu drei Freilandernten pro Jahr.
Der Maßstab ist beachtlich für eine Insel dieser Größe. Etwa 160 Hektar werden landwirtschaftlich genutzt, mehr als ein Viertel der Anbaufläche liegt unter Glas. Für Tomaten, Salate, Feldsalate und Gurken von der Insel Reichenau bestehen von der EU geschützte geografische Angaben. Auf der Insel haben die Erzeugerorganisation Reichenau-Gemüse und der Winzerverein Reichenau ihren Sitz, dazu die Bezirkssparkasse in Mittelzell.

Der Weinbau ist dabei nur noch ein Rest. Während die Reichenau zu klösterlicher Zeit ein Weinbaugebiet war, dominieren heute Gemüse- und Obstanbau; nur noch wenige Hektar Rebland werden bewirtschaftet. Die zweite Einnahmequelle ist der Tourismus mit über 200.000 Übernachtungen und vielen Tagesgästen.
Erreichbar ist die Insel über einen Damm von 1838. Auf ihm verläuft die Landesstraße 221 als 1300 Meter lange Pappelallee, unterbrochen nur vom Bruckgraben, einem 95 Meter langen Durchlass für Boote, den die niedrige Reichenauer Brücke überquert; für Segelboote ist sie zu niedrig. Bei einem Pegelstand ab 5,30 Metern wird der Damm überschwemmt. Die Allee ist zugleich ein Startpunkt der rund 2900 Kilometer langen Deutschen Alleenstraße.

Die Gemeinde besteht nicht nur aus der Insel. Sechs oder sieben getrennte Gebietsteile gehören dazu, je nachdem, ob man Schopflen auf dem Damm mitzählt; die übrigen liegen auf der Halbinsel Bodanrück. Der wichtigste Festlandsteil schließt östlich an den Damm an, umfasst 261 Hektar und hatte nach einer Schätzung von 2008 rund 1900 Einwohner. Wohnplätze entstanden hier erst, als in den 1860er Jahren die Eisenbahn gebaut wurde; weil die Bautätigkeit auf der Insel begrenzt ist, wurde in den letzten Jahrzehnten vor allem hier gebaut.
Auf diesem Festlandsteil liegt eine Einrichtung mit schwerer Geschichte. Das Zentrum für Psychiatrie Reichenau wurde 1913 als badische Heil- und Pflegeanstalt gegründet, in der Psychotherapie und Sozialpsychiatrie verbunden wurden. Die Klinik wurde 1949 wiedereröffnet. Zum 1. Januar 1996 wurde das Psychiatrische Landeskrankenhaus in eine rechtsfähige Anstalt des öffentlichen Rechts umgewandelt, seit 2000 ist das Zentrum Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Konstanz. Ein Psychiatriemuseum auf dem Gelände erzählt diese Geschichte.
Die Jahre vor der Wiedereröffnung sind das dunkelste Kapitel der Anstalt. Unter nationalsozialistischer Herrschaft begannen ab 1934 Zwangssterilisationen, 1940 wurde die Schließung beschlossen. Bis März 1941 war die Anstalt in Umsetzung der Aktion T4 vollständig geräumt. In grauen Bussen verschleppte man 508 Patienten in die NS-Tötungsanstalt Grafeneck, wo sie ermordet wurden. Bereits im April 1941 nahm in den Gebäuden die neugegründete Nationalpolitische Erziehungsanstalt Reichenau ihren Schulungsbetrieb auf, die bis 1945 bestand. Für die 508 Ermordeten steht heute ein Mahnmal vor dem Haus 20 der Klinik.





Stand des Portraittextes: 2026-09-19.
Belege der kuratierten Auswahl: WH
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